FIVERR gab vor zwei Wochen seinen Zahlen zum zweiten Quartal 2021 bekannt. Die Reaktion an der Börse glich einem Erdrutsch: innerhalb eines Tages sackte der Kurs von 230 auf 180 USD und damit um 20 % ab. Auch in den Folgetagen ging es weiter nach unten. Zeitweise stand die Aktie von FIVERR nur noch bei 168 USD. Zur Erinnerung: im Februar notierten die Anteilsscheine sogar schon mal zu 320 USD.

Was ist nun passiert, dass die Aktie von einem Tag auf den anderen vom „Superstar“ zum „Parier“ wurde? Der Umsatz legte im zweiten Quartal um 60% zu. Im ersten Quartal ging es noch mehr als 70 % – scheinbar war das jetzige Wachstum „Mr. Market“ nicht genug.

Doch noch etwas anderes scheint vielen Anlegern nicht gefallen zu haben. FIVERR hat seine Jahresprognose gesenkt. So etwas kommt an der Börse meistens nicht gut an. Doch wie gravierend sind die Anpassungen? Wir haben uns die Zahlen sowie die neue Prognose genauer angesehen und finden: ein Drama liegt hier nicht vor.

Vor drei Monaten ging das Management für das Gesamtjahr 2021 von einem Umsatz zwischen 302 und 308 Mio. USD aus. Jetzt rechnet die Konzernspitze nur noch mit einer Umsatzspanne von 280 bis 288 Mio. USD. so weit so gut. Die jetzigen Erwartungen liegen aber immer noch oberhalb der Prognose, die FIVERR im Februar zeitgleich mit Veröffentlichung des Jahresabschlusses 2020 abgab. Und gegenüber dem Umsatz in Höhe von 189,5 Mio. USD, den FIVERR im letzten Jahr schaffte, bedeuten Erlöse zwischen 280 und 288 Mio. USD immer noch ein stolzes Wachstum von 48 bis 52%.

Das Geschäftsmodell

FIVERR wurde 2010 in Israel gegründet und ist grob ausgedrückt ein Online-Marktplatz für digitale Dienstleistungen. Die Plattform bringt Freelancer und Auftraggeber zusammen. FIVERR funktioniert im Grunde wie der Marketplace von Amazon, nur dass es nicht um Waren, sondern um Arbeitsleistung geht. Auf der einen Seite stehen Freiberufler, die ihr Dienste anbieten (= „Verkäufer“). Auf der anderen Seite stehen Firmen, die diese Dienste projektbezogen in Anspruch nehmen (= „Käufer). FIVERR streicht sich dabei eine Vermittlungsgebühr ein.

2019 wurden bereits mehr als 50 Millionen Dienstleistungen abgewickelt. Im selben Jahr entschied sich das Unternehmen dann auch für einen Börsengang. Seitdem sind die Aktien an der NYSE gelistet.

Besonders gefragt sind auf der Plattform Freelancer-Dienste in den Bereichen Videobearbeitung, Übersetzungen, Programmierungen und Grafikdesign. Diese Geschäftsidee kam im letzten Jahr so gut an, dass FIVERR sein Konzept auf länger laufende, komplexe Großprojekte ausweitete. Ein einzelner Freelancer reicht dafür nicht aus. Mittlerweile können über die Plattform ganze Teams gebucht werden. Auch das Thema Weiterbildungen hat FIVERR für sich entdeckt. Das Hauptsegment Marketplace wird deshalb seit kurzem durch das neue Segment FIVERR Businessergänzt. Das neue Segment macht bereits 5 % des Konzernumsatz aus – Tendenz weiter steigend, denn dieser neue Bereich wächst stärker als das Kerngeschäft Marketplace.

Wachstum wo man nur hinsieht

Nicht nur der Umsatz wächst bei FIVERR weiter zweistellig. Auch andere Kennzahlen zeigen Wachstum pur. So stieg die Zahl der Käufer, also der Unternehmen bzw. Auftraggeber im zweiten Quartal um 43 % auf jetzt 4 Millionen. Ebenso nahmen die Durchschnittsausgaben je Käufer zu. Gab jeder Käufer vor einem Jahr auf der Plattform von FIVERR durchschnittlich 184 USD aus, sind es jetzt 226 USD. Fast zwei Drittel der Käufer (61 %) gaben mehr als 500 USD aus.

Dies ist ein starkes Indiz dafür, dass die Komplexität der Projekte, die über die Plattform abgewickelt werden, weiter zunimmt. Daraus wiederum schließen wir, dass der Umsatzanteil von FIVERR Business in den nächsten Jahren noch spürbar an Bedeutung gewinnen wird. Des Weiteren rechnen wir damit, dass bei den Kunden die Zahl der „Wiederholungstäter“ ebenfalls steigt. Sind Firmen zufrieden, werden Sie die Plattform auch für künftige Projekte nutzen.

Partnerschaft mit Wix.com und SalesForce

Um in neues Wachstum zu investieren sind auch strategische Partnerschaften recht. Seit April 2021 besteht eine Partnerschaft mit Wix.com. Auch mit Salesforce gab FIVERR eine Zusammenarbeit bekannt.

Konkret geht es bei der Zusammenarbeit zwischen Wix.com und FIVERR um Barrierefreiheit bei Webseiten. Schon lange gibt es für Menschen mit Beeinträchtigung sprachbasierte Hilfsprogramme zum Lesen und Verfassen von E-Mails, beim Besuch von Webseiten bestehen aber nach wie vor Hürden. Eventuell können Hilfsprogramme den Text erkennen und vorlesen, doch selbst dies gelingt nicht auf allen Webseiten einwandfrei. Zudem bestehen weiterhin große Schwierigkeiten bei Bildern und der allgemeinen Bedienung von Webseiten. Wix.com nimmt sich dem Thema gezielt an und hat nun ein Ausbildungsprogramm entwickelt, um Menschen mit Behinderung zu schulen, wie sie selbst barrierefreie Webseiten erstellen.

Wo kommt jetzt FIVERR ins Spiel? Das Schulungsprogramm wird auf der Plattform des Unternehmens beworben. Da sich auf der Plattform bereits 4 Millionen aktive Käufer (Firmen) tummeln, wird auf das Thema aufmerksam gemacht und in der Folge der Bedarf geweckt und die Nachfrage gesteigert. Ist den Unternehmen die Notwendigkeit einmal bewusst, werden sie ihren Webauftritt dahingehend nach und nach optimieren wollen. Hierfür braucht es wieder Freelancer mit entsprechendem Knowhow. Wie praktisch, wenn diese Experten dann gleich auf der FIVERR-Plattform zu finden sind.

Das Ausbildungsprogramm zielt nämlich auch darauf ab, dass die Teilnehmer, die dieses absolviert haben, im Anschluss daran ihre erworbenen Fähigkeiten als Dienstleistung auf der FIVERR -Plattform anbieten. FIVERReröffnet beeinträchtigten Menschen dadurch eine neue Berufsperspektive und hat davon wiederum selbst etwas, weil das Unternehmen dadurch neue Freelancer (= Verkäufer) für seine Plattform gewinnt. Das Programm startet zunächst in den USA und soll dann nach und nach auf andere Länder ausgeweitet werden.

Hohe Nachfrage deutscher KMUs

FIVERR ist mittlerweile in mehreren Ländern – auch in Europa – aktiv. Die Plattform gibt es bereits in sieben Sprachen. Im letzten Jahr hat sich der Traffic in Deutschland vom zweiten auf das dritte Quartal bereits verdoppelt, die Anzahl der Verkäufer ist dort um 76 % und die der Käufer um 81 % Prozent gestiegen. Anfänglich war der Auftritt in Deutschland noch englischsprachig. Aufgrund der hohen Nachfrage hat FIVERR schnell reagiert und den zunächst englischsprachigen Marketplace nach nur einem Jahr Marktpräsenz durch eine deutschsprachige Webseite ersetzt.

FIVERR ist ein noch recht junges Unternehmen, das mit seiner eigenen Idee ein neues Geschäftsmodell geschaffen hat. Die Wachstumsphase ist noch nicht abgeschlossen. Deshalb investiert das Unternehmen auch einen nicht unerheblichen Teil seines Umsatzes in Marketingmaßnahmen. Der Gewinn ist damit in der jetzigen Phase für FIVERR noch zweitrangig. Das ist typisch für Wachstumsunternehmen. Irgendwann wird sich dies ändern. Je mehr das Unternehmen sich etablieren und seine Märkte durchdringen kann, desto mehr sollte irgendwann auch die Profitabilität und Gewinnsteigerung in den Vordergrund rücken. Auch dies sollten Anleger bedenken, die womöglich auch über die jetzige Gewinnentwicklung enttäuscht waren.

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