PayPal: Ein Management im „Stresstest“

paypal-der-privatinvestor-boersenbrief-analyse-2022

Seit Mitte Juli hat die PayPal-Aktie (WKN: A14R7U) wieder deutlichen Aufwind. Der Kurs stieg seitdem um über 30% und steht nun bei fast 93 USD (Stand 29.08.2022). Den stärksten Schub erhielt die Aktie vom 2. auf den 3. August – innerhalb eines Tages sprang der Kurs um 16 %.

Monatelang war die Aktie des Zahlungsanbieters auf Talfahrt. Dann eine derart steile Kehrtwende an einem einzigen Tag, das sind doch gute Nachrichten. Oder?

Natürlich freuen wir uns, dass die Aktie ihr Kurstief von Juni bei 69,84 USD nun hinter sich lassen konnte. Dennoch jubeln wir allenfalls leise. Der Grund für den fulminanten Kurssprung waren nämlich nicht etwa die Geschäftszahlen, die PayPal am 2. August veröffentlichte, sondern die Meldung, dass der Hedgefonds Elliott mit rund 2 Mrd. USD in den Konzern eingestiegen ist. Elliott hält jetzt etwas über 2 % an PayPal und ist damit einer der größten Anteilseigner.

Webseite-Header-MOMO-gross

Die größten Investoren in PayPal sind Vanguard Group (>7 %) und BlackRock (>4 %). Während diese beiden Investmentgesellschaften tendenziell langfristige Beteiligungen anstreben, verfolgt Elliott kurzfristige Ziele. Elliott hingegen ist ein sogenannter „aktivistischer Investor“, dem es einzig und allein darum geht, kurzfristige Rendite- und Kursteigerungen zu erreichen, dann Kasse zu machen und zum nächsten Unternehmen weiterzuziehen.

Die Masche ist folgende: Elliott geht eine Minderheitsbeteiligung von wenigen Prozent ein und setzt anschließend das Management mit aggressiven Forderungen nach mehr Wachstum und höheren Renditen unter Druck.

Leider funktioniert das oft. Dies hat zwei Ursachen. Erstens haben (leider) sehr viele Anleger ebenfalls nur einen sehr kurzen Zeithorizont. Auch sie sind nur auf kurzfristige Gewinne aus und schließen sich deshalb der Stimmungsmache von Elliott und Konsorten an. Zweitens erweist sich das Management eines Konzerns in einer solchen Situation oft als schwach. Der Vorstand fürchtet weitere Kursverluste der Aktie (was unter Umständen die Boni beeinträchtigen könnte) und geht oft zu schnell auf Forderungen aktivistischer Investoren ein.

Ein Extrembeispiel dafür war ThyssenKrupp. Elliott war zu ca. 3 % beteiligt und treibende Kraft bei der Zerschlagung des Konzerns. Das damalige Management von ThyssenKrupp unternahm nicht einmal den Versuch, sich zu verteidigen. Nachdem Elliott gefordert hatte, den CEO Heinrich Hiesinger abzusetzen, warf dieser tatsächlich wenige Tage später das Handtuch. Es dauerte nicht lange, und auch der damalige Aufsichtsratsvorsitzende verließ das Unternehmen.

Ein starkes Management, dem etwas an dem Unternehmen liegt, stellt sich dem Sturm entgegen und hält Kurs. Das können Sie am Beispiel Nestlé (WKN: A0Q4DC) verfolgen. Als Mark Schneider die Konzernleitung 2017 übernahm, war er fast von Anfang an mit dem aktivistischen Investor Third Point konfrontiert. Third Point forderte 2017 den sofortigen Komplettverkauf der L‘Oréal-Beteiligung, den Verkauf der Wassersparte und vieles andere mehr.

Was machte Mark Schneider? Er zeigte sich unbeeindruckt. Er holte den Lebensmittelriesen aus der Wachstumskrise, indem er nicht verkaufte, sondern in wachstumsstarke und margenstarke Bereiche (Kaffee, Tiernahrung und pflanzenbasierte Milch- und Fleischersatzprodukte) investierte. (Siehe auch unter Blogbeitrag vom 27.08.2022 „Nestlé: Wenn ich nur eine Aktie kaufen könnte, dann diese!“).

In den nächsten Monaten werden wir sehen, wie das Management von PayPal auf den Einstieg von Elliott reagiert. Die Antwort auf diesen „Stresstest“ ist noch offen. Willigt das Management allzu schnell in die Forderungen von Elliott ein, wäre dies ein Eingeständnis, dass man seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.

Skeptisch stimmt uns, dass direkt mit Bekanntgabe der Elliott-Beteiligung ein neuer CFO bekannt gegeben wurde. Außerdem kündigte PayPal umgehende Kosteneinsparungen und ein Aktienrückkaufprogramm mit einem Volumen von bis zu 15 Mrd. USD an. Zugutehalten müssen wir PayPal allerdings, dass der Aktienrückkauf zum jetzigen Zeitpunkt – der Kurs ist auf Jahressicht immer noch 68 % im Minus – kein schlechter Zeitpunkt wäre.

Aktivistische Investoren sind leider seit einigen Jahren ein Phänomen, mit dem wir leben müssen. Wenn wir unsere eigenen Hausaufgaben als passive Langfristinvestoren gemacht haben, sollten unsere Entscheidungen nicht allzu sehr von ihnen beeinträchtigt werden. Weder im positiven noch im negativen Sinne.

Auf gute Investments!

Ihre

der-privatinvestor-kerstin-franzisi

Kerstin Franzisi

Chefredakteurin Der Privatinvestor

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.