Der Online-Handel explodiert mehr und mehr. In den vergangenen anderthalb Jahren erfreute sich die „Internet-Einkaufsstraße“ eines noch nie dagewesenen Stroms an Neukunden. Sehr beliebt ist mittlerweile auch das Konzept „click and collect“. Kunden bestellen Online, holen die Ware aber in einer Filiale in ihrer Nähe ab. Und das Wachstumspotenzial ist auch weiterhin enorm. Erst 10 bis 15 % aller Einkäufe werden weltweit online abgewickelt. Corona hat hier natürlich ordentlich Schub gegeben: Für die kommenden Jahre rechnen Analysten der UBS bei den digitalen Zahlungslösungen am US-Markt mit einer jährlichen Wachstumsrate von 7 bis 8 %. Global erwarten die Experten sogar einen Anstieg um jährlich 8 bis 10 %.

Mit steigendem Online-Geschäft steigen zwangsläufig auch die Nutzungszahlen von digitalen Zahlungsdiensten. In diesem Zusammenhang bemerkenswert: Die im Online-Handel genutzten Bezahlungsmöglichkeiten haben einen starken Netzwerkeffekt. Je mehr Verbraucher einen digitalen Zahlungsdienst nutzen, desto mehr Händler bieten diese Option an der Kasse an und wiederum desto mehr Verbraucher nutzen den Dienst in der weiteren Folge. Der Netzwerkeffekt führt zu einer Aufwärtsspirale, die sich von selbst antreibt.

Geschäftsmodell: digitales Bezahlen

Digitale Zahlungsdienstleistungen sind ein attraktiver Wachstumsmarkt. Als Pionier der Branche, der das Potenzial für digitale Bezahllösungen früh erkannt hat, war PayPal lange Zeit (fast) allein auf weiter Flur. PayPal wurde 2000 von eBay gegründet und gehörte bis zur Abspaltung im Jahr 2015 zu dem Konzern. Im Jahr der Trennung vom Internet-Auktionshaus erfolgte auch direkt der Börsengang. PayPal ist mittlerweile eine so starke Marke und global derart präsent, dass der eingangs genannte Netzwerkeffekt kaum noch zu bremsen, geschweige denn zu stoppen ist.

Die Anzahl der Nutzer des Online-Bezahldienstes ist seit Gründung kontinuierlich gestiegen. Nach eigenen Angaben registrierte PayPal im dritten Quartal 2021 rund 416 Mio. aktive Kundenkonten. Im Vergleich zum Vorjahresquartal stieg die Zahl der aktiven PayPal-Accounts damit um etwa 15 %. PayPal profitiert rund um den Globus von dem ausgeprägten Boom beim Online-Shopping. Die Anzahl der Transaktionen über den digitalen Bezahldienstleister belief sich im dritten Quartal 2021 auf rund 4,9 Mrd.

Die Konkurrenz schläft nicht

Im Internet spielen digitale Zahlungsmittel schon lange eine entscheidende Rolle, aber auch außerhalb des „Netzes“ nimmt dies zu. Das lockt auch die Konkurrenz. Mittlerweile haben sich diverse weitere Akteure hinzugesellt: Klarna (Zahlungsanbieter aus Schweden), Apple Pay, Amazon Pay, Google Pay. Immer neue Anbieter kommen auf den Markt. In der Schweiz wird beispielsweise „getwintet“ (das Bezahlsystem Twint ist eine gemeinsame App der Schweizer Postfinance, der UBS, Zürcher Kantonalbank sowie der Schweizer Börse SIX), in den USA erfreut sich vor allem die Cash-App von Square steigender Nutzerzahlen und einer immer größeren Präsenz in den Medien. Das Unternehmen wurde 2009 in San Francisco gegründet. Seit 2015 ist es an der New Yorker Börse. Square ist damit zwar neun Jahre jünger als PayPal, die Börsenhistorie ist aber genauso lang.

PayPal vs. Square – Wachstum ist relativ

Lange Zeit fristete Square bei Investoren eher ein unbekanntes Dasein. Jetzt sind Unternehmen und Aktie in aller Munde. Dabei verlief die Kursentwicklung in den letzten zwölf Monaten eher turbulent. Es gab ein munteres Auf und Ab. Vom Fleck bewegte sich das Papier auf Jahressicht dabei nicht. Betrachten wir nur den Verlauf im November, ging es 16 % nach unten. Dabei war die Geschäftsentwicklung sensationell. 2020 konnte Square seine Erlöse mehr als verdoppeln. Und auch das Wachstum, das uns die Geschäftszahlen der letzten zwölf Monate (Zeitraum: 01.10.2020 bis 30.09.2021) zeigt (+76 %), ist spektakulär.

Mit einem Umsatzplus von 21 % (2020) beziehungsweise 15 % (letzte zwölf Monate) sieht PayPal dagegen fast schon wie eine „lahme Schnecke“ aus. Nachdem Square bis jetzt ausschließlich in den USA tätig war, streckt das Unternehmen nun auch seine Fühler nach Europa aus. Muss PayPal sich also warm anziehen? Wird Square der bisherigen Nr. 1 demnächst den Rang ablaufen?

Noch ist Square beim Umsatz ein gutes Stück weg von PayPal. Doch das Unternehmen holt auf. Aktuell steht es 24,6 zu 16,7 Mrd. USD. Wir sind dennoch überzeugt, dass PayPal die Nase vorne behalten kann. Der Vorteil von PayPal: das Unternehmen ist bekannter und viel breiter aufgestellt. Bei dem aktuell fulminanten Wachstum von Square müssen Sie zudem berücksichtigen, dass dies von einem zunächst viel niedrigeren Umsatzlevel ausging. Bei kleinerer Ausgangsbasis ist es relativ betrachtet leichter, hohe Wachstumsraten zu generieren, schließlich fällt das Wachstum stärker ins Gewicht.

Wettbewerbsvorteile: Größe und Vertrauensvorsprung

In einer Sache könnte sich Square tatsächlich auf dem europäischen Markt schneller durchsetzen – mit seiner App, die einen schnellen und unkomplizierten Geldtransfer von Nutzern untereinander ermöglicht. Während sich PayPal mit seinem Dienst Venmo offensichtlich vorerst weiterhin auf den US-Markt zu konzentrieren scheint, ist Square bereits dabei, nach Europa vorzupreschen. Dafür gelang es PayPal, Venmo nun auf dem US-Marketplace von Amazon zu platzieren und damit endlich einen ersten Fuß in die Tür des größten Online-Shops der Welt zu bekommen.

Ab 2022 will Amazon auf dem US-Markt Zahlungen mit dem digitalen Bezahldienst Venmo anbieten. Dieser gehört seit 2013 zu PayPal und ist in den USA gerade bei der jüngeren Generation extrem beliebt. Venmo zählt bereits 70 Mio. Nutzer. Die Bezahlmöglichkeit auf Amazon wird die Bekanntheit und Reichweite auf einen Schlag deutlich erhöhen. Auch Amazon erhofft sich dadurch selbstverständlich Vorteile. Das Unternehmen zeigt der jungen Generation, wie „hip“ es ist und am Ende geht es natürlich immer um die Gewinnung neuer Kunden und mehr Umsatz. Und im wahrscheinlichen Erfolgsfall wird es bestimmt nicht lange auf sich warten lassen, bis Venmo auch auf dem europäischen Markt Einzug hält.

Die neue Kooperation mit Amazon ermöglicht PayPal daher eine ganz andere Expansionsmöglichkeit. Dies zeigt gleichzeitig: es sind nicht nur die unterschiedlichen Größenproportionen, die PayPal einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Square verschaffen. PayPal ist ein global dominanter Player. Alle Welt kennt und nutzt PayPal. Das Vertrauen, das sich PayPal über die Jahre bei seinen Kunden aufgebaut hat, müssen sich Square und andere Anbieter noch erarbeiten.

Wo soll die Reise hingehen?

PayPal hat eine klare Strategie: Das Unternehmen will sich von einem reinen digitalen Bezahldienst zu einem umfassenden Finanzdienstleister weiterentwickeln. Mit seiner komplett überarbeiteten App für iOS und Android kommt der Konzern seinem Ziel wieder ein ganzes Stück näher. Mit der neuen „Super-App“ sind quasi alle Geldgeschäfte des täglichen Lebens wie Überweisungen, Daueraufträge, Abbuchungen oder die Bezahlung von Rechnungen möglich. Nutzer können die App mit ihren Bank- und Kreditkartenkonten verknüpfen und sehen damit immer ihren aktuellen Kontostand. Ebenso bietet die App eine digitale Geldbörse („Wallet“) und die Verwaltung von Kryptowährungen an. In den USA bietet PayPal zudem bereits Sparkonten an (jährliche Verzinsung aktuell bei 0,4 %). Das ist zwar mager, damit bietet PayPal aber dennoch deutlich mehr als die meisten anderen US-Banken (Durchschnitt bei 0,06 %). Damit wird der Konzern immer mehr zum Konkurrenten für mobile Direktbanken.

Square hingegen scheint seine „strategische Vision“ entweder noch nicht ganz gefunden zu haben oder kommuniziert diese zumindest nicht so eindeutig. Jedenfalls kaufte Square in diesem Jahr für knapp 300 Mio. USD den Musik-Streaming-Anbieter Tibal. Was hat Square vor? Will das Unternehmen künftig noch stärker in die digitale Medienwelt vorstoßen? Uns sind die Beweggründe dieser Akquisition noch nicht so ganz schlüssig. Letztes Jahr meldete Square über Twitter, dass man 50 Mio. USD in Bitcoin investiert habe. Auch diesbezüglich bleiben bei uns Jubelrufe aus. Unsere Ansicht zu Bitcoin & Co. als Investitionsobjekt ist kritisch.

Sein Firmenkapital in Bitcoin zu investieren und dies auch noch als Publicity zu nutzen, ist eine Sache. Eine völlig andere ist es, stattdessen an dem allgemeinen Bitcoin-Hype mitzuverdienen, indem man seinen Kunden eine Handelsplattform dafür zur Verfügung stellt. Diesen Weg ist PayPal gegangen. PayPal-Kunden in den USA und seit kurzem auch in Großbritannien können mittlerweile über ihr PayPal-Konto Kryptowährungen halten und handeln. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis PayPal dies auch in anderen Ländern anbietet.

Bei den Margen muss Square noch aufholen

Das operative Ergebnis von Square war im letzten Jahr erstmals leicht positiv. PayPal hingegen fährt seit langem satte Gewinne ein. Auch was die Cashflows betrifft hat Square noch Aufholbedarf. Die Free Cashflowmarge steht bisher nur bei 4 % und auch die operative Cashflowmarge schafft es gerade mal auf 5 %. PayPal hingegen hat Margen von 20 % (FCF) und 24 % (op. CF).

Markt groß genug für beide

Was noch nicht ist, kann ja noch werden. Der Markt erscheint uns grundsätzlich groß genug für beide. Sowohl PayPal als auch Square sind gut positioniert in einem perspektivisch vielversprechenden Wachstumsmarkt. Dennoch hat PayPal aus unserer Sicht die Nase vorn. Der Platzhirsch überzeugt bei Strategie, Wettbewerbsvorteilen und Margen. Das Geschäftsmodell erfreut sich wachsenden Verständnisses und steigender Akzeptanz, auch unter älteren Semestern. Die jungen Generationen bezahlen sowieso mit der „digitalen Geldbörse“. Mit Venmo hat PayPal gute Möglichkeiten, in Zukunft noch spezifischer auf die Bedürfnisse der jungen Verbraucher einzugehen.

Für uns ist das Unternehmen aus Kalifornien der inoffizielle „Goldstandard“ des digitalen Zahlungsverkehrs. Kaum ein Online-Shop kann es sich leisten, seinen Kunden diese Bezahloption zu verweigern. Die Entwicklung, die PayPal in den letzten Jahren als Unternehmen selbst, aber auch am Aktienmarkt hinlegte war fulminant. Ausgeschöpft ist bei diesem Tech-Wert aber noch gar nichts. Nicht zuletzt aus demographischen Gründen bietet sich noch sehr interessantes Wachstumspotenzial.

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Prof. Dr. Max Otte

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